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Ein Blick von außen
Hans-Eberhard Piepho schrieb anlässlich der Berliner DaZ - Tage 2004:
Das Berliner DaZ-Modell lernte ich während einer Fachtagung kennen und war spontan von der großen Bedeutung und hohen Praxisrelevanz überzeugt.
Gerade im Zusammenhang mit dem neuen DaZ Lehrplan sind die modularen "Lernkapseln" als Brücke zwischen der Alltagssprache, in die Schülerinnen und Schüler auf unterschiedlichen biografischen Wegen, aber im Unterricht zielgerichtet hineinwachsen (Sprachwachstum), und den schulfachsprachlichen Registern sehr wichtig, von deren Beherrschung der Schul- und Ausbildungserfolg stark abhängt.
Das sprachliche Wachstum ist kein gradliniger und daher auch kein linearer Prozess mit einer extern definierten linguistischen Progression, sondern weitgehend von biografischen und anlagenbedingten Faktoren, insbesondere von affektiven Momenten und neurolingualen Dispositionen bestimmt. Es gelingt nur, wenn die Zweitsprache auf Erfahrungen gegründet ist und zu Erfahrungen und Erlebnissen führt, die einfache Begegnungen, Regelungen und Textverständnisse ermöglichen und zur Versprachlichung von Absichten, Befindlichkeiten und Fantasien befähigen. Unterricht hat natürlich immer auch das Ziel, dass diese Kommunikationen spontaner und die Versprachlichung geläufiger und "korrekter", auch im Sinne sozialer Regeln und Konfliktbewältigungen in der Normalkasse und im Alltag gelingen.
Die Lernkapseln (den Begriff prägte und begründete Inge Christine Schwerdtfeger) des Berliner DaZ-Modells greifen in den sprachlichen und konzeptuellen Wachstumsprozess gezielt und mit erprobten Übungs- und Aufgabensequenzen ein und dienen der Ausprägung präziser semantischer, sachlogischer Begriffe und der Einsicht in typische syntaktische und kollokative Muster ihrer Versprachlichung im Kontext verschiedener Schulfächer.
Der DaZ Lehrplan ist geeignet, vielfältige Methoden und Aktivitäten zur Entwicklung einer zuverlässigen Kommunikationsfähigkeit in relevanten Erfahrungs- und Erlebnisfeldern zu bewirken und bedient sich dabei aktivierender Szenarien, die Sprachaufmerksamkeit, soziale Umgangskompetenz und eine positive Einstellung der Lernenden zu sich selbst, der Zielsprache Deutsch und ihrer Umgebung in Deutschland auslösen und kultivieren sollen. Die Berliner DaZ-Bausteine nutzen diese so gewachsenen Konzepte, Strukturen und Domänen und lassen am konkreten Fall kognitiv durchschaute Varianten der Umgangssprache und der fachlich geprägten Sprache erkennen und bringen sie durch kurze, prägnante und motivierende Übungen bis zu Geläufigkeit.
Dieses glückliche Tandem - Lehrplan und Übungsmodell - ist lerntheoretisch enorm wichtig. Das menschliche Gehirn, so wissen wir es heute ziemlich genau, ist für den Erwerb von Sprachen hervorragend ausgestattet und sucht sich seine Wege des Wachstums einer Zweitsprache selbstständig, wenn die Bedingungen dafür ganzheitlich und umfassend gegeben sind. Das ist die Botschaft der Lehrplan-Begriffsbildung und die Entwicklung von Sprache als Schlüssel zu Einsichten und als (relativ) präzises Mittel sachfachlicher Kommunikation ist ein Sonderfall des Sprachwachstums, das stark an Abstraktionen auf der Grundlage genauer Beobachtung, also an Konzeptualisierungen gebunden ist. Nur so entfalten sich Lese- und Formulierungskompetenzen, übrigens auch als Zugang zu geklärten Selbst- und Weltbildern, also zur Mündigkeit in einer modernen Gesellschaft mit ihren Herrschaftsstrukturen, Verwirrungen und Verirrungen und der ständigen Auflösung von Überzeugungen und Leitmustern.
Mich überzeugte in Berlin auf Anhieb, dass den Autor(inn)en des DaZ Modells eine Systematik lernleitender Symbole und Farbauszeichnungen gelungen ist. Die ist immer wieder seit Weisgerber, Haase, Jean Zumb u. v. a. versucht worden und zeichnet auch die Montessoripädagogik aus. In Berlin ist eine klar erkennbare Ordnung dieser Symbole entstanden, die für alle Sprach- und Sprachspielmaterialien Gültigkeit gewinnen möge. Nur so werden Genus, Beugung usw. durch wiederkehrende Lerngeländer und Lesegerüste mit einleuchtenden Signalen von der Vorschule aus eingeübt. Das ist erheblich viel mehr als eine folgenlose Schulgrammatik, die nichts klärt und nichts bewirkt.
Im besten Sinne wird kognitives und sprachliches Wachstum der Aktivierung der Lernenden in Szenarien bewirkt. Dabei sind klare Struktur- und Bedeutungseinsichten notwendig, die eine entwickelte Sprachaufmerksamkeit und solides Sprachkönnen sichern. Das ist mehr als nur ein pfiffiger didaktischer Ansatz. Das kann -nicht nur für die Zielgruppe der Lernenden mit anderer Ausgangssprache- ein ausbaufähiges Modell für das Bildungsziel Mehrsprachigkeit in Europa werden. Auf dieser Grundlage werden u. U. Standards zu einem Instrument fruchtbarer, nicht einengender Gemeinsamkeit.
Schließlich überzeugt mich beim Berliner DaZ Modell, dass es als eine äußerst wirksame, weil zugleich anspruchsvolle und absolut transparente, praxisrelevante Vorlage für Fortbildungs- und Werkstattarbeit verwendet werden kann und in diesem Sinne auch Vorlagen mit Modulen, Mustern und Modellen für Lernmaterialien ausstattet, die ohne formalistische, technokratische Vorgaben eine gewisse Einheitlichkeit der Aufgaben und Übungstypologien und der thematischen inhaltlichen Dimensionen bewirkt, und trotzdem für sehr viel Kreativität Raum lässt.
Es wäre ein Gewinn, wenn zur Umsetzung dieses DaZ-Lehrplans neben DaZ Box und DaZ Koffern auch die Berliner Lernkapseln veröffentlicht und einem breiten Publikum zugänglich gemacht würden.
Hans-Eberhard Piepho ist leider 2005 verstorben.