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Elterntagung Februar 2006

Geschrieben von dirk am in Elterntagungen, Veranstaltungen

Gemeinsame Fachtagung der Lehr- und Lernwerkstatt DaZ und der Volkshochschule Berlin Neukölln

Guten Morgen, liebe Leser – nach Mitte nun Neukölln!

Unsere letzte Fachtagung in Mitte war ein großer Erfolg, die Teilnehmerinnen konnten mit neuen Ideen und vielen kreativen Ansätzen und umfangreichem Informationsmaterial zur Elternarbeit an ihre Schulen zurückkehren.

Direkt im Anschluss begann die Vorbereitung für eine Fachtagung mit ähnlichen Zielsetzung für Neuköllner Kursleitende und Lehrkräfte. Die Notwendigkeit des Tagungsthemas wurde durch die Realität inzwischen gut unterstrichen: Im Februar 2006 kam der Hilferuf aus Neukölln: Die Rütli Schule wendet sich mit einem Brief an die Öffentlichkeit und kapituliert vor Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz im Schulalltag. Schließlich platzt auch noch der Traum vom friedlichen Zusammenleben in Nord-Neukölln.

Detlef Buck proklamiert mit seinem Film „Knallhart“ das Ende der Multikultigesellschaft und zeigt mit einer Mischung aus deutschem Gangsterdrama und Milieustudie die alltägliche Gewalt unter den Jugendlichen in der vermeintlich sozialen Abstiegszone der Hauptstadt und löst eine breite Diskussion um die Aktualität der gezeigten Probleme aus. Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky begrüßt den ehrlichen Blick auf Jugendgewalt und untere soziale Schichten und warnt mit der gegenwärtig beliebten Anspielung vor „Pariser Verhältnissen“ in Deutschland. Doch die Statistiken zeigen, dass die Situation auch für die Zukunft keinen Anlass zu begründetem Optimismus gibt: Jeder vierte türkische Schüler verlässt eine deutsche Schule ohne Abschluss, 40 Prozent aller Einwandererkinder bleiben ohne Berufsabschluss.

Was also tun angesichts dieser negativen Prognosen? Unsere Fachtagung hatte zum einen das Ziel, die Zusammenarbeit von Volkshochschulen und Schulen in der schulischen Elternarbeit und beim Deutschunterricht in den Eltern- bzw. Mütterkursen weiterzuentwickeln und Lehrer und VHS-Dozentinnen miteinander in Kontakt zu bringen, um produktive Handlungsmuster zu den aktuellen Problemfeldern zu erstellen. Dies war für alle Beteiligten äußerst spannend, denn es eröffnete einen jeweils anderen Blick auf die Eltern und die schulische Arbeit. Zum anderen wird mit dieser Dokumentation das zweite Heft einer Tagungsreihe präsentiert, die nach Mitte und Neukölln in Kreuzberg und Schöneberg mit den gleichen Bausteinen fortgesetzt werden soll.

In dem aktuellen Eingangsreferat stellt Dr. Andreas Böhme die Ergebnisse der PISA Untersuchung von 2003 dar und zeigt den Zusammenhang von Medienkonsum und Grundschulempfehlungen von 10-jährigen auf. In einem Maßnahmenkatalog fordert er die Lehrer unter anderem auf, individuelle Verträge mit Eltern und Schülern zu schließen. Wie solch ein Vertrag aussehen könnte, wird im Rahmen des Sprint Projektes von der Lernwerkstatt im zweiten Teil der Dokumentation vorgestellt. Die Workshops geben auch dieses Jahr eine Fülle von neuen Anregungen für die Elternarbeit, wie z.B. Minidialoge und Wortschatzlisten bis hin zu einem ergebnisorientierten Maßnahmenkatalog aus der Zukunftswerkstatt oder der Vorbereitung eines Elternabends zur Leseförderung.

Die Untersuchung der KMK zu Bildung und Migration vom 02.06.2006 zeigt, dass es eine deutliche Ungleichverteilung von Schülern mit und ohne Migrationshintergrund auf die unterschiedlichen Schularten gibt. Zudem haben Schüler mit Migrationshintergrund größere Schwierigkeiten, auf höhere Schulen zu gelangen und sich dort zu halten. Bei gleichen Leistungen erhalten Schüler mit Migrationshintergrund in der Grundschule schlechtere Noten, was auch den Übergang auf höhere Schulen beeinflusst. So fiel der Ausländeranteil an Auszubildenden in Westdeutschland von 9,8% 1994 auf 5,6% 2004. Nach repräsentativen Untersuchungen ist die Chance, eine qualifizierte Ausbildung zu erreichen, für deutsche Jugendliche ohne Migrationshintergrund doppelt so hoch wie für ausländische Jugendliche ? selbst bei gleichen Fachleistungen.

Ein hoher Migrantenanteil an den Schulen bedeutet auch eine verstärkte soziale Abschottung. Jeder vierte Jugendliche besucht in der Sek I eine Schule, in der die Migranten die Mehrheit stellen. Im internationalen Vergleich wird deutlich, dass Deutschland unter den europäischen Staaten mit Arbeitsmigration dasjenige Land ist, dessen Zuwanderer sich hinsichtlich Bildungshintergrund und sozialem Status am meisten von der übrigen Bevölkerung unterscheiden.

In Deutschland liegt die Leseleistung von Migranten im internationalen Vergleich sehr niedrig: 42% der ersten und 44% der zweiten Generation gehören hier zur Risikogruppe der niedrigsten Kompetenzstufe, in anderen Staaten sind es etwa 25%.

Die OECD Studie von 2006 zeigt, dass Schüler mit Migrationshintergrund den eigenen Angaben zufolge ein Niveau an positiven Lernleistungen aufweisen, das dem ihrer einheimischen Altergenossen vergleichbar oder sogar überlegen ist. Dies lässt darauf schließen, dass Schüler mit Mitgrationshintergrund generell eine große Lernbereitschaft mitbringen, auf der die Schulen aufbauen können, um ihren Erfolg im Bildungssystem zu unterstützen.

Schulische Bildung ist eine der zentralen Voraussetzungen für den Zugang zur Gesellschaft und ein Grundstein für eine erfolgreiche Integrationspolitik. Dazu müssen Eltern und Lehrer in ihrer Zusammenarbeit unterstützt werden. Daher freuen wir uns mit dieser Dokumentation einen weiteren Schritt zu einer besseren Kooperation von Eltern, VHS-Kursleitern und Lehrern getan zu haben.

 

Die Redaktion

Claudia Schmidt und Michael Nové

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Umschlag des Tagungsbandes 2006